SAP S/4HANA Modifikationen neu gedacht: Clean Core, Side-by-Side-Extensions und KI-gestützte Entwicklung

Ausgangssituation: Was ändert sich durch die S/4HANA Migration?

Die Migration zu SAP S/4HANA ist weit mehr als ein technischer Versionswechsel. Sie markiert einen Bruch mit einer jahrzehntelangen Praxis: ERP-Systeme wurden über zahllose Modifikationen immer individueller, aber auch immer schwerer wartbar. Upgrades wurden zum Risiko, Innovationen zur Ausnahme.

Mit dem Clean-Core-Prinzip setzt SAP hier einen klaren Schnitt. Der Kern des Systems soll so nah wie möglich am Standard bleiben; tiefgreifende Modifikationen im Core sind nicht mehr empfohlen bzw. in der S/4HANA Public Edition (SAP Cloud ERP) technisch nicht möglich. Das wirkt auf den ersten Blick wie eine Einschränkung, ist in Wahrheit eine strategische Chance. SAP-Kunden werden gezwungen, bewusst zu unterscheiden: Welche Prozesse können im Standard laufen? Wo wollen wir ganz gezielt anders sein als der Wettbewerb?

Genau dort, wo ein Unternehmen einen komparativen Vorteil erzielen will, werden individuelle Lösungen wichtig. Individualisierung ist nicht mehr Selbstzweck, sondern ein bewusst eingesetztes Instrument, um das eigene Geschäftsmodell zu schärfen.

Neben dieser strategischen Schärfung verbessert sich auch die technologische Basis. Ohne Core-Modifikationen werden Updates planbarer und weniger fehleranfällig. Die IT gewinnt ihre Agilität zurück, anstatt unter dem Gewicht historischer Anpassungen zusammenzubrechen.

Neue Chancen im Zuge der Migration

Mit einem Clean Core richtet sich der Blick neu aus: weg von der Frage „Was haben wir schon immer angepasst?“ hin zu „Wo entsteht unser tatsächlicher Geschäftswert?“. Die Migration zu S/4HANA eröffnet die Möglichkeit, Ressourcen vom Erhalt veralteter Z-Programme abzuziehen und auf Wertschöpfung zu konzentrieren.

In der Praxis bedeutet das: Prozesse in Logistik, Finanzen oder Kundenservice, die keine besondere Differenzierung bringen, können nah am SAP-Standard bleiben. Überall dort, wo ein Unternehmen bewusst andere Wege geht – etwa durch besondere Serviceversprechen, innovative Liefermodelle oder eigene Pricing-Logiken – kommen individuelle Extensions ins Spiel. Sie bilden diese Besonderheiten sauber, skalierbar und zukunftssicher ab.

SAP liefert mit der Application Extension Methodology den strukturierten Rahmen dafür (siehe Abbildung). Standardfunktionen im Core und individuelle Erweiterungen werden konsequent getrennt. Kleinere, eng mit dem System verbundene Anpassungen lassen sich als In-App-Extensions direkt im S/4HANA-Kontext umsetzen. Komplexere, innovative Szenarien werden als Side-by-Side-Extensions auf der SAP Business Technology Platform (BTP) realisiert. Der Kern bleibt dadurch upgradefähig, während Innovationszyklen sich deutlich verkürzen und technische Schulden reduziert werden.

Abbildung 1: SAP AEM Überblick (Quelle: https://help.sap.com/)

Side-by-Side Extensions: Agilität ohne Core-Eingriffe

Side-by-Side-Extensions sind der Schlüssel, um S/4HANA oder andere Lösungen der SAP Business Suite zu einem stabilen, aber keineswegs starren digitalen Kern zu machen. Sie laufen entkoppelt auf der SAP BTP in der Cloud und kommunizieren über klar definierte APIs. So können neue Funktionen und Services flexibel bereitgestellt werden, ohne den Kern zu belasten.

Das lohnt sich vor allem dort, wo ein Unternehmen bewusst „anders“ sein möchte als der Standard, z.B. ein spezielles Kundenportal, ein intelligentes Dispositionsverfahren, eine branchenspezifische Abwicklungslogik. Diese Szenarien werden als eigenständige, cloudbasierte Anwendungen umgesetzt, die eng mit S/4HANA integriert sind, aber unabhängig weiterentwickelt und deployt werden können.

Damit diese individuellen Erweiterungen dauerhaft stabil und wartbar bleiben, braucht es professionelles Software-Engineering. Architekturen müssen sauber geschnitten sein, Schnittstellen klar definiert, Services testbar und Qualitätssicherung automatisiert. So kann Innovation in hoher Frequenz stattfinden, ohne das ERP-System zu gefährden.

Kurz gesagt: Side-by-Side-Extensions ersetzen nicht blind „alles, was früher Modifikation war“, sondern stärken gezielt die wichtigsten Prozesse, die ein Unternehmen vom Wettbewerb abhebt.

DevOps mit BTP: Standardisierung als Erfolgsfaktor

Die SAP BTP stellt nicht nur die technische Plattform für Extensions bereit, sondern auch die Werkzeuge für die Entwicklung und den Betrieb. Codeverwaltung auf Basis von Git, automatisierte Build- und Deploymentstrecken, integrierte Tests und Monitoring sind ein Muss um effiziente und stabile Software-Entwicklung zu realisieren.

Nur so lassen sich Release-Zyklen deutlich verkürzen. Was früher im Rhythmus von Quartalen oder Halbjahren ausgeliefert wurde, kann heute in Wochen oder Tagen in Produktion gehen. Kontinuierliche Tests und Quality Gates stellen sicher, dass die Qualität nicht unter der Geschwindigkeit leidet, sondern im Idealfall steigt. Gleichzeitig entsteht Transparenz über den gesamten Lebenszyklus einer Extension – von der ersten Zeile Code bis zur produktiven Nutzung.

Abbildung 2: DevOps-Prozess mit SAP BTP

Gerade für individuelle Erweiterungen in kritischen Geschäftsprozessen ist das zentral. Sie können in enger Abstimmung mit den Fachbereichen weiterentwickelt werden, ohne dass jede Änderung zu einem Großprojekt wird. Clean-Core und DevOps ergänzen sich dabei: Der Kern bleibt stabil, die Extensions werden schnell und kontrolliert weiterentwickelt.

Die BTP wird so zum Enabler der Innovation: kleine, häufige Verbesserungen statt seltener, riskanter Big-Bang-Deployments.

Methodik, Architektur und Governance

Damit Side-by-Side-Extensions mehr sind als lose zusammengeklebte Einzellösungen, brauchen Sie ein klares technisches Fundament. Im Zentrum stehen dabei die SAP Business Technology Platform als Laufzeitumgebung und moderne Programmiermodelle, die stabile, wiederverwendbare Services bereitstellen.

Die SAP BTP stellt mit Cloud Foundry, Kyma und der ABAP-Umgebung unterschiedliche Runtimes zur Verfügung. Darauf laufen die Erweiterungen, die S/4HANA über APIs oder Events anbinden – von klassischen Services bis hin zu Microservices, Integrationsszenarien und UI-Anwendungen. Welche Runtime im Einzelfall zum Einsatz kommt, hängt weniger von Ideologie ab als von Technologie-Stack, Team-Skills und Integrationsbedarf.

Das Cloud Application Programming Model (CAP) adressiert vor allem Side-by-Side-Services in Java oder Node.js und bringt einheitliche Konzepte für Domänenmodelle, Services und Geschäftslogik mit. Das ABAP RESTful Application Programming Model (RAP) erfüllt eine ähnliche Rolle im ABAP-Kontext und kapselt S/4HANA-nahe Logik in klar definierten Businessobjekten. In beiden Fällen entstehen API-first-Services, die sich sauber versionieren, testen und von anderen Anwendungen konsumieren lassen – sei es von Fiori-Apps, Portalen oder weiteren BTP-Services.

Entscheidend ist weniger die Wahl „CAP oder RAP“ als die Konsequenz im Design: klare Domänenschnitte, stabile Schnittstellen und eine Architektur, die Erweiterungen als eigenständige Bausteine denkt, nicht als versteckte Anpassungen. Auf dieser technischen Basis können Unternehmen ihr Extension-Portfolio gezielt ausbauen und behalten gleichzeitig die Kontrolle über Komplexität und Wartbarkeit.

KI-Support: Intelligente Prozesse für mehr Effizienz

Künstliche Intelligenz verstärkt diese Entwicklungen auf zwei Ebenen: in der Software-Entwicklung selbst und in den Anwendungen, die auf S/4HANA und der BTP aufbauen.

In der Entwicklung unterstützen KI-basierte Tools dabei, Code zu analysieren, mögliche Schwachstellen zu finden, Tests zu generieren oder Logs zu interpretieren. Predictive Monitoring kann Anomalien in Extensions frühzeitig erkennen, bevor sie zu echten Störungen werden. Dadurch steigt die Stabilität, ohne dass der manuelle Aufwand ins Unendliche wächst.

Im SAP-Umfeld gewinnt dabei das Model Context Protocol (MCP) zunehmend an Bedeutung. MCP ist ein offener Standard, über den KI-Agenten strukturiert auf Werkzeuge und Unternehmensdaten zugreifen können, sodass z.B. bei der CAP- und Fiori-/UI5-Entwicklung KI-Assistenten den Projektkontext verstehen und Entwicklern gezielt beim Arbeiten in SAP-Projekten unterstützen. Parallel dazu öffnet SAP mit MCP-Gateways und Integrationen auf der BTP die Tür, damit Joule und andere KI-Agenten über MCP auf Business-Anwendungen zugreifen können.

In den Anwendungen eröffnen KI-Funktionen neue Spielräume für Prozessdesign. Vorhersagemodelle helfen bei Nachfrage- und Bestandsplanung, intelligente Entscheidungsunterstützung unterstützt Disposition, Kreditvergabe oder Serviceeinsätze, Chatbots und Sprachschnittstellen erleichtern den Zugang für Endanwender. All das lässt sich als Side-by-Side-Extension auf der BTP realisieren und tief in Geschäftsprozesse integrieren.

Gerade mit Blick auf komparative Vorteile ist KI ein entscheidender Hebel: Standardprozesse können effizienter werden, wirklich differenzierende Prozesse können durch intelligente, datengetriebene Szenarien noch stärker auf das Geschäftsmodell zugeschnitten werden.

Fazit: Worauf es jetzt ankommt

Der Weg zu einer zukunftsfähigen S/4HANA-Landschaft führt nicht über möglichst viele Anpassungen, sondern über bewusste Entscheidungen. Im Kern geht es um drei Schritte.

Erstens, definieren Sie ihre Extension-Strategie. Welche Prozesse laufen künftig konsequent im Standard, und welche gelten als strategische Hebel, die durch individuelle Extensions gestärkt werden sollen? Auf dieser Basis lässt sich festlegen, welche Technologien in welchen Szenarien zum Einsatz kommen.

Zweitens, starten Sie ein Pilotprojekt, das diese Prinzipien konkret macht. Die Organisation sammelt dabei Erfahrungen mit Architektur, Tools, KI, Governance und der Zusammenarbeit zwischen IT und Fachbereich.

Drittens braucht es dauerhafte Strukturen. DevOps- und Governance-Modelle, automatisierte Pipelines, klare Verantwortlichkeiten und gelebte Qualitätsstandards sorgen dafür, dass weitere Extensions schneller folgen können, ohne an Stabilität zu verlieren. So wächst eine Landschaft, in der der Core stabil bleibt und Innovation über professionelle, gut geführte Extensions stattfindet.

Die zentrale Botschaft bleibt bestehen: Individualisieren Sie nicht überall ein bisschen, sondern gezielt dort, wo ihr Unternehmen besser sein will als der Markt. Nutzen Sie die Möglichkeiten der SAP BTP vom Beginn an in ihrer Transformation, indem Sie ihre Teams in die Lage versetzen mit der passenden Methodik den Standard sinnvoll zu erweitern, um nicht nur zu migrieren, sondern echten Business Value zu generieren.

Autor: Felix Fritz

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